Into Life ...

Aktualisiert: vor 3 Minuten
„Walking in Your Shoes“
September 2026
…bei Empathie muss ich immer an den Song „Walking in My Shoes“ von Depeche Mode denken. Die Aufforderung, einmal in den Schuhen eines anderen Menschen zu gehen, finde ich als Bild sehr passend, weil es darum geht, die Perspektive eines anderen Menschen einzunehmen und zu versuchen, die Welt aus seinen Augen zu sehen und zu erleben.
Wer schon einmal die Schuhe eines anderen Menschen getragen hat, die dieser vielleicht schon lange trägt, merkt, dass dieser Mensch einfach anders darin steht und geht als man selbst. Und genauso geht jeder Mensch anders durch sein Leben.
Es ist leicht zu sagen: „Ich würde das anders machen“ oder „Das wäre für mich überhaupt kein Problem.“ Aber wir sind nicht gleich. Jeder Mensch hat seine eigene Geschichte, seine eigenen Erfahrungen, sein eigenes Wesen und seine eigenen Bedürfnisse. Und dieselbe Situation kann für zwei Menschen etwas völlig Unterschiedliches bedeuten. Was für den einen hilfreich oder stärkend ist, kann für einen anderen schwierig oder sogar schädlich sein.
Empathie bedeutet für mich deshalb, wirklich zu versuchen zu verstehen, wie die Welt aus der Sicht eines anderen Menschen aussieht. Nicht nur, was er gerade tut oder sagt, sondern auch, was dahinter liegt: seine Geschichte, seine Erfahrungen, sein Wesen, seine Bedürfnisse und wie all das miteinander verbunden ist. Dabei geht es für mich nicht nur darum, den anderen besser zu verstehen. Empathie und Mitgefühl bedeuten auch, ihm mit Wohlwollen und liebevoller Güte zu begegnen.
Unsere Geschichte prägt uns. Und gleichzeitig ist jeder Mensch mehr als das, was er erlebt hat. Unsere Geschichte trifft auf unsere ganz eigene Veranlagung, Konstitution und Natur. Wir haben unterschiedliche Körper, unterschiedliche Wesen und nehmen die Welt auf unsere ganz eigene Weise wahr. Deshalb denken, empfinden und reagieren wir auch unterschiedlich.
Die eigene innere Arbeit ist daher sehr wichtig und hilfreich: sich selbst wirklich kennenzulernen, die eigene Geschichte zu verstehen und das eigene Wesen zu erkennen. Was habe ich erlebt? Was bedeutet meine Geschichte für den Menschen, der ich bin? Welche Bedürfnisse habe ich und warum sind bestimmte Dinge für mich vielleicht besonders wichtig?
Je besser wir uns selbst verstehen, desto leichter können wir auch verstehen, dass ein anderer Mensch mit einer anderen Geschichte, einer anderen Veranlagung, einer anderen Konstitution und einem anderen Wesen anders wahrnimmt, anders denkt, anders empfindet und daher anders reagiert als wir selbst. Empathie bedeutet nicht, dass wir alles genauso empfinden müssen. Es bedeutet, dass wir versuchen, die Welt aus seiner Perspektive zu verstehen und den Menschen wirklich zu sehen, der vor uns steht.
Natürlich ist es auch eine Definitionsfrage, was genau unter Empathie verstanden wird. Für mich macht es aber einen Unterschied, ob ich einen anderen Menschen verstehen und mich vielleicht auch in seine Gefühle hineinversetzen kann oder ob darüber hinaus noch Mitgefühl dazukommt.
Mitgefühl hat für mich seinen Platz im Herzen. Es bedeutet nicht nur, dass ich verstehe, wie es einem anderen Menschen geht, sondern dass mich sein Wohlergehen wirklich berührt. Dass ich mir von Herzen wünsche, dass dieser Mensch frei von Leid sein kann, dass es ihm gut geht und dass er glücklich ist. Es ist eine wohlwollende Haltung diesem Menschen gegenüber.
Ich kann also verstehen, warum jemand traurig ist, Angst hat oder sich verletzt fühlt. Mitgefühl heißt für mich, dass ich darüber hinaus auch wirklich möchte, dass es diesem Menschen gut geht. Und genau darin liegt für mich auch die Verbindung zur Liebe.
Je mehr wir unser Mitgefühl üben und vertiefen, desto mehr kann auch unsere Fähigkeit zu lieben wachsen.
Diese Haltung können wir nicht nur gegenüber Menschen entwickeln, sondern gegenüber allen fühlenden Wesen.
Wenn uns zum Beispiel ein Hund begegnet, können wir uns bewusst machen, dass auch dieses Wesen seine eigene Geschichte, seine eigenen Erfahrungen und seine eigenen Bedürfnisse hat. Es geht durch sein eigenes Leben und möchte, wie wir selbst, frei von Leid sein und Wohlergehen erfahren.
Auch eine kleine geflügelte Blattlaus, die auf unserer Haut landet und die wir unbewusst, ganz automatisch wegwischen und dadurch auslöschen, kann dafür ein Anlass sein. Es geht dabei nicht darum, dass wir jede Blattlaus retten müssen. Es geht darum, überhaupt wahrzunehmen, dass da ein anderes Lebewesen ist und dass auch dieses Wesen, wie wir selbst, frei von Leid sein will und Wohlergehen erfahren möchte. Und vielleicht entscheiden wir uns dann (manchmal) dafür, sie nicht einfach achtlos wegzuwischen, sondern sie an einen anderen Ort zu setzen und weiterleben zu lassen.
Wir können im Alltag trotzdem nicht vermeiden, dass durch unser Leben andere Lebewesen zu Schaden kommen oder sterben. Wir gehen, fahren, bauen, essen und bewegen uns durch die Welt, und dabei passiert es, dass wir Leben nehmen, ohne es zu wollen. Auch das gehört zu unserer menschlichen Natur und zum Leben dazu. Wir können das anerkennen, ohne gleichgültig zu werden. Und wir können uns gleichzeitig immer wieder bewusst machen, dass auch dieses Leben etwas bedeutet, und einen möglichst liebevollen, verantwortungsvollen Umgang damit entwickeln und es so gut wie möglich auf ein Minimum reduzieren.
Und auch mit uns selbst können wir diese Haltung üben. Selbstempathie bedeutet, uns selbst verstehen zu wollen. Selbstmitgefühl bedeutet, uns dabei mit Wohlwollen zu begegnen, uns von Herzen für uns selbst zu wünschen, dass auch wir frei von Leid sein können, und selbst danach zu streben, dass es uns gut geht, wir uns sicher und geborgen fühlen, wir glücklich und zufrieden sind.
Empathie & Mitgefühl im Alltag
Eine einfache Möglichkeit, Empathie im Alltag zu üben, sind Sharing Circles (auch als Check-ins oder achtsames Teilen bezeichnet). In einer Familie, in einer Partnerschaft oder auch in einem Team kann es hilfreich und sehr bereichernd sein, sich regelmäßig kurz oder auch ausgiebig darüber auszutauschen, wie es einem gerade geht.
Ich kenne diese Form des Austauschs schon sehr lange. Sharing Circles haben mich schon früh begleitet, und später haben wir diese Form des Austauschs auch in der Familie immer wieder gepflegt. Im Arbeitskontext habe ich sie dann vor vielen Jahren in der Findhorn Foundation in Schottland kennengelernt. Bevor wir dort im Garten oder in der Küche mit der Arbeit begonnen haben, haben wir uns als Team ungefähr 15 Minuten zusammengesetzt, Tee getrunken und kurz geteilt, was gerade in unserem Leben präsent ist und wie wir heute da sind.
Auch in meiner Familie haben wir uns dafür immer wieder bewusst Zeit genommen. Wir haben uns meist für eine bis eineinhalb Stunden zusammengesetzt und im Kreis miteinander gesprochen. Manchmal haben wir eine bestimmte Zeit, zum Beispiel fünf bis zehn Minuten, für jede von uns festgelegt, manchmal war es ganz frei. Wir haben auch mehrere Runden gemacht, sodass jede von uns immer wieder zu Wort kommen konnte.
Wenn man einen solchen Sharing Circle ausprobieren möchte, finde ich es wichtig, sich vorher zu überlegen, welche Rahmenbedingungen und Vereinbarungen dafür sinnvoll sind. Für mich gehört dazu vor allem eine möglichst absichtslose, offene und wohlwollende Haltung.
Eine Person spricht und die anderen hören offen, präsent und möglichst urteilsfrei zu. Es geht nicht darum, das Gesagte zu bewerten, zu analysieren oder gleich darauf zu reagieren und sich auch nicht schon zu überlegen, was man selbst sagen möchte. Wir müssen nichts erklären, keine Lösung finden und den anderen auch nicht retten. Wir hören einfach zu und lassen das, was der andere gerade erzählt, erst einmal einfach so stehen. Jeder Mensch darf selbst entscheiden, was er teilen möchte und wie viel er von sich preisgibt. Für mich hat das viel mit Achtung und Respekt zu tun, den anderen Menschen dort anzunehmen, wo er gerade steht, ohne ihn verändern oder irgendwohin bringen zu wollen.
Dazu gehört auch, dass niemand unterbrochen wird. Jeder bekommt die Möglichkeit, für sich zu sprechen und gehört zu werden, ohne dass jemand dazwischen geht oder das Gesagte übernimmt. In unseren Sharing Circles ging es dabei nicht nur darum, etwas zu erzählen, sondern auch darum, mit sich selbst und dem eigenen Körper verbunden zu bleiben: Was nehme ich gerade wahr? Was passiert in mir, während ich spreche? Was wird durch das Thema ausgelöst?
Gegen Ende konnte es auch Rückmeldungen geben, wenn das ausdrücklich gewünscht war. Man konnte sagen, wenn man eine bestimmte Sichtweise oder Wahrnehmung von jemandem hören möchte. Und genauso konnte man sagen, dass man gerade keine Rückmeldung möchte oder dass es jetzt genug ist.
Und ganz wesentlich ist die Verschwiegenheit. Was in diesem Kreis geteilt wird, verlässt den Kreis nicht. Es wird nicht mit Menschen außerhalb des Kreises weitererzählt und auch innerhalb des Kreises nicht im Nachhinein zum Gesprächsthema gemacht. Wenn jemand etwas Persönliches geteilt hat, wird es einfach dort gelassen. Diese Verschwiegenheit schafft einen Safe Space, in dem wir uns sicher fühlen und wirklich offen zeigen können.
Und gerade wenn wir einander wirklich zuhören, ohne sofort zu bewerten, zu analysieren oder etwas verändern zu wollen, bekommen wir die Möglichkeit, die Welt des anderen ein Stück weit kennenzulernen.
Wir hören seine Geschichte, erfahren, was ihn beschäftigt und was für ihn gerade wichtig ist. Und je mehr wir uns darauf einlassen, desto besser können wir verstehen, dass ein anderer Mensch die Welt vielleicht ganz anders erlebt als wir selbst.
Für mich war das gerade in meiner Familie ein wichtiger Lernprozess. Es passiert sehr leicht, dass man sich in die Themen der anderen einmischt. Eine erzählt etwas aus ihrem Leben und die anderen geben schon ihren Senf dazu. Oft passiert das ganz automatisch. Man glaubt, der anderen etwas sagen zu müssen, oder das, was sie erzählt, aktiviert etwas in einem selbst. Und anstatt erst einmal bei sich zu schauen, gibt man diese Reaktion direkt an die andere weiter. Durch die Sharing Circles habe ich gelernt, mehr wahrzunehmen, was in mir passiert, wenn ich den Impuls habe, mich einzumischen, und die Dinge mehr bei der anderen zu lassen, anstatt sie weiter zu analysieren oder ungefragt wieder aufzugreifen.
Empathie und Mitgefühl zu entwickeln, tut nicht nur dem anderen Menschen gut, sondern auch uns selbst. Wenn wir verstehen, dass wir nicht alles persönlich nehmen müssen, was ein anderer tut oder sagt, können wir leichter aus dem Widerstand herauskommen. Wir fühlen uns weniger schnell angegriffen oder gekränkt und können wieder weicher und offener werden. Wir werden zugänglicher, versöhnlicher, nachsichtiger und geduldiger.
Und wenn wir uns selbst mit Empathie und Mitgefühl begegnen, können wir auch mit uns selbst verständnisvoller, nachsichtiger und geduldiger werden. Wir müssen nicht mehr so hart mit uns sein und uns nicht ständig verurteilen. Auch uns selbst können wir wieder mit mehr Offenheit und Weichheit begegnen und uns mehr in diese Offenheit, Weichheit und Entspannung hineinsinken lassen.
Deshalb empfinde ich Mitgefühl als etwas so Wertvolles. Wenn wir es kultivieren und immer weiter vermehren, bereichert es nicht nur unser eigenes Leben, sondern auch unser Miteinander.
Ich glaube, dass darin eine große Kraft liegt. Mitgefühl und liebevolle Güte werden manchmal als etwas Weiches oder gar Schwaches gesehen. Für mich ist es genau das Gegenteil. Ein Mensch, der nicht ständig im Widerstand ist, der weniger schnell urteilt, sich weniger persönlich angegriffen fühlt und dem anderen und sich selbst mit Wohlwollen begegnen kann, hat eine große Kraft.
Wenn wir das unseren Kindern mitgeben würden, wenn Empathie, Mitgefühl und liebevolle Güte auch in unseren Schulen einen viel größeren Stellenwert hätten, könnte sich sehr viel verändern. Nicht nur im einzelnen Menschen, sondern auch in unserem Miteinander. Ich glaube, dass diese Qualitäten tatsächlich die Kraft haben, unsere Welt zum Guten zu verändern.
Und wer da tiefer eintauchen, Mitgefühl und liebevolle Güte wirklich praktizieren möchte, dem kann ich zwei wunderbare Möglichkeiten ans Herz legen: die Metta-Meditation, bei der wir liebevolle Güte für uns selbst und andere kultivieren, und Tonglen, eine tibetisch-buddhistische Praxis, bei der Leid in Mitgefühl und Weisheit transformiert und wieder in die Welt zurückgegeben wird.
„In die Schuhe des anderen“ zu gehen bedeutet nicht, selbst dieser andere Mensch zu werden. Es bedeutet, für einen Moment zu versuchen, die Welt aus seinen Augen zu sehen.
Wir sind nicht alle gleich. Wir haben unterschiedliche Geschichten, unterschiedliche Wesen und unterschiedliche Bedürfnisse. Wenn wir uns wirklich in einen anderen Menschen hineinversetzen, müssen wir diese Unterschiede nicht wegmachen. Wir können lernen, sie zu verstehen. Zu verstehen, warum ein Mensch die Welt so erlebt, wie er sie erlebt, warum bestimmte Dinge für ihn wichtig sind und warum er vielleicht anders reagiert als wir selbst.
Und je mehr wir uns darin üben, „die Schuhe eines anderen Menschen zu tragen“, desto weniger schnell urteilen wir darüber, wie jemand sein sollte oder was er anders machen müsste. So können wir Menschen, uns selbst und alle fühlenden Wesen besser verstehen und ihnen mit mehr Respekt, Wohlwollen und Liebe begegnen ...